Um kurz vor zwölf ist der Bahnhofsvorplatz noch leer. Dann treffen die ersten Autos ein - Kennzeichen aus Gießen und Wetzlar - und gegen 12.15 Uhr hält eine Regionalbahn, aus der eine größere Gruppe steigt. Es ist ein Detail, das mehr über die Demonstration verrät als manche Rede: Wer hier gegen den Biedenkopfer Grenzgang protestiert, kommt in seiner großen Mehrheit von außerhalb.

Was folgt, ist betont friedlich. Die Gruppe sammelt sich, eine Wortführerin gibt den Ablauf durch, dann setzt sich der Zug in Bewegung - durch weitgehend leere Straßen. Von der Kulisse, die das Mobilisierungsvideo im Vorfeld beschworen hatte - ein „Mob wütender Bürger und vielleicht auch Faschos" -, ist nichts zu sehen.

Die einzige Reaktion kommt aus einem vorbeifahrenden Auto. „Lasst den Heiligen Mauritius in Ruhe!", ruft der Fahrer - ein Verweis auf den schwarzen Heiligen, der in Europa seit dem Mittelalter als verehrte Figur dargestellt wird. Das ist die ältere Traditionslinie geschwärzter Figuren, die mit der amerikanischen Minstrel-Praxis nichts zu tun hat. Das sachlichste Argument des Tages, im Vorbeifahren.

Die Wortführerin nimmt den Einwand nicht auf, sondern deutet ihn um. „Ihr seht ja, wie friedlich der Grenzgang ist und dass das überhaupt nicht rassistisch ist", ruft sie dem Autofahrer und der Gruppe zu, „und deshalb regen sie sich auf, weil es nicht rassistisch ist." Ein inhaltlicher Zwischenruf wird sofort zur Bestätigung der eigenen Position erklärt. Das wiederkehrende Muster der Debatte: Nicht Dialog, sondern Abwehr.

Antifaschismus, Palästina, Vielfalt - die Bilder

Demonstration am Bahnhof Biedenkopf

Auf dem Marktplatz sammelt sich die Gruppe zu den Reden. Das größte Transparent trägt keine Zeile zum Grenzgang, sondern die Parole „Kein Frieden dem Rechtsruck". Eine Papptafel spielt mit den Begriffen „faschistische" (durchgestrichen) und „antifaschistische Tradition". Dazu wehen zwei MeRA25-Fahnen, eine Progress-Pride-Flagge, eine ISD-Tafel. Eine Teilnehmerin trägt ein Palästinensertuch.

Auch die Sprechchöre reichen weit über Biedenkopf hinaus: von „Menschenrechte über Tradition" über „Hoch die internationale Solidarität" und „Black lives matter" bis zum italienischen „Siamo tutti antifascisti" - „Wir sind alle Antifaschisten". Sie wirken eingeübt und werden geschlossen aufgenommen.

Die Reden: von versöhnlich bis nahost-politisch

So einheitlich das Bild, so unterschiedlich die Töne. Am nachdenklichsten ist eine Sprecherin: Man halte die Verteidiger der Tradition nicht für „schlechte Menschen oder Rassist*innen" und spreche „nicht von Schuld, sondern von Verantwortung". Eine ISD-Rednerin erzählt, selbst „als einziges schwarzes Kind im Dorf" aufgewachsen, man wolle „niemandem seine Tradition nehmen" - die ehrlichsten Momente des Nachmittags.

Andere Beiträge greifen weiter aus: zu Minstrel-Shows, Völkerschauen und „Rassentheorien à la Hegel und Kant". Eine Rednerin distanziert sich mitten in der Kundgebung von einer Person mit Israelflagge: „wir verurteilen diese Flagge … Free Palestine von uns". Ein bemerkenswerter Satz auf einer Demonstration, die eigentlich dem Biedenkopfer Mohr gilt.

Über alles wurde gesprochen - nur kaum über die Figur

So breit das Spektrum, so auffällig die Leerstelle: In keiner Rede kommt der Mohr selbst vor, Herkunft, Funktion, Rolle im Fest. Argumentiert wird über Blackfacing im Allgemeinen; die Minstrel-Funktion des Lächerlichmachens wird ungeprüft auf den Grenzgang übertragen. Ob das trägt, ist offen.

Der 1950 komponierte Grenzgangswalzer besingt den Mohren, „der sich in den Straßen mit dem Säbel präsentiert", als stolze, repräsentative Gestalt, nicht als Karikatur. Das entlastet die Praxis nicht in jeder Hinsicht, zumal Kritiker einwenden würden, es komme auf die heutige Wirkung, nicht auf die Absicht an.

Aber der Vorwurf des „Lächerlichmachens" trifft diese Überlieferung nicht - und geurteilt wird hier über eine Figur, die kaum jemand der Angereisten aus der Nähe kennt.

Wer spricht für wen?

Die Demonstration war friedlich, engagiert und in ihren nachdenklichsten Momenten ernst zu nehmen. Die Redner sprachen über Rassismus, Kolonialismus, Palästina und die große gesellschaftliche Lage - über fast alles also, nur nicht über Biedenkopf.

Rund 80 angereiste Menschen forderten die Veränderung eines Festes, das Mitte August wieder Zehntausende auf die Straßen bringen wird. Und der einzige, der an diesem Nachmittag die Herkunft der Figur zur Sprache brachte, war ein Autofahrer im Vorbeifahren.

Die Frage aus meinem ersten Beitrag hat der Samstag nicht beantwortet, aber geschärft: Wer spricht hier eigentlich für wen?