Der IHK-Wissenschaftspreis 2026 hat zwei junge Forschende ausgezeichnet. Mir hat der Abend gezeigt, von wem die Impulse für diese Region ausgehen müssen: von Universität und Wirtschaft. Die Politik sollte ermöglichen, nicht steuern.
In eigener Sache: Ich war an diesem Abend Beteiligter, nicht Beobachter. Als stellvertretender Vorsitzender der IHK-Regionalversammlung Marburg habe ich die Verleihung moderiert und die Preise gemeinsam mit Universitätspräsident Thomas Nauss übergeben. Dieser Text ist ein Standpunkt, kein Bericht.
Preisverleihungen sind oft Ritual, und auch diese hat Tradition seit 1984. Am 1. Oktober in der Alten Aula war sie mehr. Der Abend zeigte, wie nah Marburger Forschung inzwischen an der Anwendung liegt.
Der Informatiker Daniel Braun eröffnete mit der Frage, wer Künstliche Intelligenz kontrolliert. Für die Region stellt sich dieselbe Frage: Wer gibt hier die Richtung vor?
Zwei Arbeiten, ein Standort
Den mit 5.200 Euro dotierten Wissenschaftspreis erhielt Dr. Julianne Susanne Funk aus dem Fachbereich Medizin. In ihrer Dissertation hat sie mit der Genschere CRISPR/Cas9 mehr als 9.000 Veränderungen im Gen TP53 systematisch untersucht. TP53 erkennt Schäden im Erbgut und verhindert, dass sich geschädigte Zellen unkontrolliert vermehren. In vielen Tumoren ist dieser Schutz gestört.
Die Arbeit liefert Grundlagen für eine Krebsmedizin, die sich an den genetischen Besonderheiten des einzelnen Tumors ausrichtet.
Den Förderpreis über 1.600 Euro erhielt Simon Paul Wilhelm Klute aus dem Fachbereich Biologie. Seine Masterarbeit beschreibt ein Konzept, das die Entwicklung von PROTAC-Molekülen vereinfachen und beschleunigen soll. Diese Moleküle blockieren krankheitsrelevante Proteine nicht, sie lassen sie abbauen. Ein zugelassenes PROTAC-Medikament gibt es nach Angaben der IHK bislang nicht.
Beide Arbeiten sind Grundlagenforschung. Beide zielen auf Fragen, an denen ein Pharmastandort unmittelbar interessiert ist. Diese Nähe ist kein Zufall. Sie ist das, was Marburg von vielen anderen Universitätsstädten unterscheidet.
Eine Universität, die sich öffnet
Universitätspräsident Prof. Dr. Thomas Nauss sagte an dem Abend, die Preise verkörperten auch die Erwartung, dass wissenschaftliche Erkenntnisse wirtschaftlich anwendbar sind. Und weiter: „Daher bauen wir viele Brücken zwischen wissenschaftlicher Neugier und wirtschaftlicher Umsetzung.“
Das ist mehr als ein Satz für den Festakt, und es lässt sich belegen. Die folgenden Punkte stammen aus einer Mitteilung der Stadt Marburg vom 26. November 2024:
- Seit 2023 sind unter dem Stichwort „Brückenbildung“ mehrere Kooperationen zwischen Stadt, Universität und den Unternehmen am Behring-Standort entstanden.
- 2023 wurde der Masterstudiengang Molekulare Biotechnologie akkreditiert. Er soll die Lücke zwischen Lehrangebot und Bedarf am Standort verkleinern.
- Im Oktober 2024 traten Stadt, Universität und Standortbetreiber erstmals gemeinsam auf der Immobilienmesse Expo Real auf.
Hinzu kommt eine persönliche Beobachtung. Das Präsidium unter Thomas Nauss, im Amt seit Februar 2022, führt den Dialog mit der Wirtschaft nach meinem Eindruck deutlich offener als das Präsidium unter seiner Vorgängerin Prof. Dr. Katharina Krause. Das ist ein Eindruck, kein Befund.
Er schmälert Krauses Bilanz nicht. Krause leitete die Universität von 2010 bis 2022. Nach Angaben der damaligen Wissenschaftsministerin hat keine andere hessische Universität mehr Investitionsmittel für Forschungsbauten eingeworben. Die Schwerpunkte waren andere. Der heutige Kurs baut auf dieser Infrastruktur auf.
Wer gestaltet, wer ermöglicht
Meine Schlussfolgerung aus dem Abend: Wenn von einer Region Impulse ausgehen sollen, müssen sie von Universität und Wirtschaft kommen. Dort entsteht das Wissen, dort wird es angewendet, dort wird das Risiko getragen.
Die Politik gehört mit an den runden Tisch. Sie sollte dort zuhören und nicht die Federführung beanspruchen.
Der Reflex liegt nahe: typisch IHK-Vertreter. Den Vorwurf muss ich aushalten. Ernster ist ein anderer Einwand: Natürlich finanziert das Land die Universität. Natürlich entscheiden Parlamente über Flächen, Haushalte und Verkehrswege. Ohne politische Beschlüsse gibt es weder Baurecht für neue Labore noch Budgets für zukunftsfähige Studiengänge.
Es geht also gar nicht darum, die Politik herauszuhalten, sondern um ihre Rolle. Die Stadt Marburg hat das 2024 in der Zusammenarbeit mit Universität und Pharmastandort treffend beschrieben: Rahmen setzen, Vernetzung ermöglichen, Haushaltsmittel für Gründungsstrukturen sichern. Mehr nicht, aber eben auch nicht weniger.
Genau das ist die richtige Rollenverteilung: Die Impulse müssen von denen kommen, die forschen, entwickeln und das unternehmerische Risiko tragen. Die Politik setzt den Rahmen.
Was passiert, wenn sie selbst die Inhalte vorgeben will, zeigt der Masterplan Behring-Standort. 2020 als wichtigste wirtschaftspolitische Entscheidung zweier Jahrzehnte beschlossen, sicherte er keine Fläche über Görzhausen III hinaus. Anfang 2023 entschied sich ein Pharmakonzern gegen Marburg, weil Flächen fehlten. In den Wahlprogrammen 2026 der Marburger Parteien wird der Masterplan, wenn überhaupt, dann nur mit dürren Worten erwähnt.
Was bleibt
Ein Preis für eine Dissertation und eine Masterarbeit verändert keine Region. Er zeigt aber, worauf es ankommt: auf Menschen, die forschen, und auf kurze Wege in die Anwendung. Marburg hat beides.
Je enger Universität und Unternehmen zusammenarbeiten, desto weniger muss die Politik steuern und desto mehr kann sie ermöglichen. Der Abend in der Alten Aula war dafür ein gutes Beispiel.