Am 10. Februar 2026 lud die Bürgerinitiative „Kein Görzhausen IV – Stopp den Flächenverbrauch" zum Wahlcheck mit den Fraktionsspitzen in die Michelbacher Kulturscheune. Das Marburger Magazin Express hat darüber berichtet. Was von den Vertretern der Parteien gesagt wurde, war aufschlussreich – allerdings weniger wegen der Antworten als wegen der Widersprüche, die dabei sichtbar wurden.

Zur Erinnerung: Am 22. März 2024 beschloss die Stadtverordnetenversammlung, die Fläche Görzhausen IV beim Regierungspräsidium als Erweiterungsfläche für den Regionalplan nachzumelden. SPD, Grüne, CDU und Klimaliste stimmten dafür.

Drei Wochen vor der Kommunalwahl klingt das plötzlich anders.

Uwe Volz von den Grünen erklärte laut Express, die Ausweisung der Fläche solle nur dazu dienen, „gegenüber internationalen Konzernen sagen zu können, dass es potenzielle Erweiterungsmöglichkeiten gebe". Gebraucht würden die Flächen „voraussichtlich nicht".

Voraussichtlich nicht gebraucht. Im Stadtparlament dafür gestimmt. Gegenüber den Michelbachern erklärt, es sei eigentlich nur ein Signal. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen.

Maik Schöniger von der Klimaliste ging noch einen Schritt weiter: Er erklärte die Zustimmung seiner Partei mit Koalitionsvereinbarungen und räumte ein, dass Görzhausen IV den eigenen Zielen widerspreche: „Das widerspricht unserem Ziel." Eine Partei, die im Stadtparlament gegen ihre eigenen Überzeugungen stimmt und das drei Wochen vor der Wahl offen einräumt – das ist entweder bemerkenswerte Ehrlichkeit oder ein Eingeständnis, das nachdenklich machen sollte.

Steffen Rink von der SPD sprach von „Abwägungsprozessen" bei der Weiterentwicklung von Görzhausen – die diplomatischste aller Formulierungen.

Jelena Noe für CDU, FDP und BfM hielt es dagegen für „richtig und wichtig", am Pharmastandort „Optionen offen zu halten", und verwies auf die Abwägung zwischen den Sorgen Michelbachs und den Sorgen der Stadt. Das ist immerhin eine konsistente Position.

Die eigentliche Frage

Irgendwie ist es immer das gleiche Muster: Im Stadtparlament wird abgestimmt, im Wahlkampf wird relativiert. Die gleichen Parteien, die 2024 für die Nachmeldung gestimmt haben, signalisieren drei Wochen vor der Wahl: Keine Sorge, wird wahrscheinlich nicht gebraucht. War nur ein Signal.

Noch bemerkenswerter: Laut Express erinnerten Steffen Rink (SPD) und Maik Schöniger (Klimaliste) daran, dass MoVe 35 ein Weg gewesen wäre, den Autoverkehr zu reduzieren. Auf einer Veranstaltung, die sich um den Pharmastandort und die Zukunft Michelbachs dreht. In einem Stadtteil, der beim Bürgerentscheid MoVe 35 mit großer Mehrheit abgelehnt hat.

Man fragt sich manchmal, ob die Stadtspitze und ihre Koalitionspartner ihre Wähler kennen. Oder ob sie sie für so unwichtig halten, dass es eh keine Rolle spielt, was sie - die Wähler - denken.

Die neue Stadtverordnetenversammlung, die am 15. März gewählt wird, könnte einen Anfang machen:
Sagen, was man meint. Abstimmen, wofür man steht.