Es gibt einen Moment, in dem mir jedes Mal die Kehle eng wird. Er kommt nicht auf Kommando, ich kann ihn nicht planen, und er sieht von außen nach nichts aus: eine Straße voller Menschen, Pferde, irgendwo setzt Musik ein - und plötzlich steht mir das Wasser in den Augen, und ich bin ein bisschen froh, dass man das von unten nicht so genau sieht.

Ich weiß, dass das komisch klingt. Ich verdiene mein Geld damit, Dinge effizienter zu machen, baue Software, verschlanke Abläufe, spare Klicks. Und ich bin ungefähr der letzte Mensch, von dem man einen Liebesbrief an ein jahrhundertealtes Ritual erwartet. Und trotzdem sitze ich hier und muss das aufschreiben. Denn es ist Liebe. Ein anderes Wort habe ich dafür nicht gefunden.

Vorbereitungszeit

Der Grenzgang beginnt nicht am Donnerstagmorgen um sechs. Er beginnt für uns Reiter Monate vorher, und zwar mit einer Frage: Passt das Pferd?

Nicht jedes tut es. Manche sind zu hoch im Blut, andere zu hippelig für das, was da kommt. Man sucht ein Tier, das ruhig genug ist und trotzdem Präsenz hat - und man weiß erst, ob man richtig lag, wenn die Wettläufer das erste Mal testweise die Peitschen knallen lassen.

Gemeinsame Ausritte nach Weifenbach, nach Dexbach, nach Buchenau, die Wettläufer immer dabei. Übungen mit dem Spielmannszug, weil ein Pferd Blasmusik erst kennenlernen muss. Marschübungen durch die Stadt. Und am letzten Sonntag vor dem Fest das Musikreiten als Generalprobe.

Das sind Monate, in denen man viel Zeit miteinander verbringt. Es gibt Momente, in denen nichts klappt, und Momente, an denen plötzlich alles klappt und keiner genau weiß, warum. So etwas verbindet auf eine besondere Weise, die sich nicht künstlich erzeugen lässt.

Musikreiten auf der Bleiche

Die drei Tage

Ich liebe das Pferd unter mir. Das Gewicht, die Wärme, die durch den Sattel steigt, das Sich-Verlagern, wenn es unruhig wird, weil es spürt, dass es gleich losgeht. Es gibt eine Ehrlichkeit in diesem Tier, die einem beruflichen Alltag völlig abgeht. Ein Pferd verhandelt nicht. Es trägt dich, oder es trägt dich nicht, und du musst dir sein Vertrauen jedes Mal neu verdienen.

Reiter auf dem Marktplatz
Einritt auf den Marktplatz

Ich liebe den Moment, in dem man am morgens vor seiner Gesellschaft auf den Marktplatz einreitet. Dieses Morgenlicht. Musik von allen Seiten. Alles ist in Bewegung und folgt doch einem Plan, den niemand sehen kann.

Der Mohr tanzt zwischen den Reihen, die Wettläufer sorgen mit ihren Peitschen spielerisch für Ordnung, und jeder weiß, wohin er gehört. Wie das Pferd kurz innehält. Wie die Leute einem zuwinken. Man sieht diese Szene sieben Jahre lang nicht, und dann steht man mittendrin, und ich habe Pipi in den Augen. Anders kann ich es nicht sagen.

Ich liebe die kurzen Begegnungen mit den anderen Repräsentanten. Mit den Führern, den Wettläufern, dem Mohr. Man hat keine Zeit für Gespräche, alles ist in Bewegung, aber es gibt diese Sekunden: eine Hand auf der Schulter, eine Umarmung im Vorbeigehen, ein Blick, der sagt, dass gerade alles gut läuft. Das sind Menschen, mit denen ich im normalen Jahresverlauf vielleicht drei Sätze wechsle. In diesen drei Tagen weiß man voneinander alles, was gerade zählt.

Ich liebe, dass Leute für diese Tage zurückkommen. Mein alter Schulfreund Jürgen kommt wie immer aus Australien. Fünfundzwanzig Volleyballer, die sich unter der Fahne der Ludwigshütte wiedergetroffen haben. Und Petra, mit der ich ein Gespräch geführt habe, als hätten wir uns letzte Woche zuletzt gesehen. Menschen, die längst woanders leben, ein anderes Leben führen, andere Sprachen sprechen, und die ihren Kalender um die Grenzgangstage herum bauen.

Ich liebe, dass die, die nicht mehr da sind, dazugehören. Ein Grenzgang ist voller Menschen, die man nicht mehr sieht und trotzdem spürt. Er ist eine Kette, und man merkt, wenn man mitten in ihr steht, dass sie in beide Richtungen weiterläuft - nach hinten zu denen, die schon geritten sind, und nach vorn zu denen, die noch reiten werden.

Und der schönste Moment war einer, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Es sind die Rückmeldungen gewesen. Von Leuten am Straßenrand, aus den Gesellschaften, von Menschen, die ich kaum kenne: dass wir Reiter einen guten Job gemacht haben. Man reitet nicht für Applaus. Aber wenn nach Monaten Vorbereitung und einer schlaflosen Nacht jemand sagt, dass man es gut gemacht hat, dann ist das mehr wert als jede berufliche Anerkennung, die ich je bekommen habe.

Wehmut ist ein altmodisches Wort

Und ich benutze es trotzdem, denn irgendwie fällt mir kein besseres ein.

Sie kommt zweimal. Das erste Mal am Samstag auf dem Marktplatz, beim Grenzgangswalzer. Man singt ihn mit ein paar tausend Leuten, und irgendwann in der zweiten Strophe merkt man, dass es das jetzt gewesen ist, für sieben Jahre.

Reiter auf dem Marktplatz
Einritt auf den Marktplatz

Das zweite Mal nachts um halb drei, als die Band im Festzelt aufgehört hat zu spielen. Es wird still, und für einen Moment steht man da und weiß nicht, wohin.

Noch eine letzte Umarmung. Dann geht man durch die dunklen Straßen nach Hause, durch eine Stadt, die morgen wieder eine ganz normale Kleinstadt sein wird.

Was ich nicht sagen will - dass damit irgendetwas bewiesen wäre

In den Wochen vor dem Fest ist viel über Biedenkopf und den Mohr geschrieben und gesendet worden. Eine Gemeinschaft, die abwehrt, ein Ort, der eine Debatte nicht führen will. Ich habe mich mit einem Teil dieser Berichterstattung auseinandergesetzt, an anderer Stelle und mit Quellen.

Hier will ich das nicht. Ich will nur sagen: Drei friedliche Tage sind kein Argument. Wer sich verletzt fühlt, fühlt sich nicht weniger verletzt, weil andere sich gefreut haben. Beides kann gleichzeitig wahr sein, und ich habe nie behauptet zu wissen, wie es Menschen geht, die sich hier nicht wohlfühlen.

Was ich weiß, ist, wie es denen gegangen ist, die beim Fest dabei waren. Und davon war in keinem einzigen Beitrag die Rede.

Was bleibt

Es ist wunderbar, dass sich das alles durch nichts rechtfertigen lässt. Es nützt niemandem. Es spart nichts. Man könnte es lassen, und keine Kennzahl der Welt würde es bemerken. Aber es gibt Sachen, die man nicht erklärt, sondern tut - und die einen dafür jedes Mal reicher machen, als man vorher war.

In sieben Jahren wieder. Der Satz klingt jedes Mal ein bisschen wie ein Versprechen und ein bisschen wie eine Drohung. Sieben Jahre sind lang. Manche, die diesmal dabei waren, werden dann nicht mehr da sein.

Impressions

Vor dem Festzug Freitag morgen MG Hasenlauf Startklar Maximal entspannt Müder Grenzgänger