Wer in diesen Wochen durch Biedenkopf geht, spürt es: Das Fest wirft seine Schatten voraus. Vom 13. bis 15. August 2026 wird wieder Grenzgang gefeiert - das zwölfte Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, im ungebrochenen Sieben-Jahres-Takt. Ein guter Anlass, einen Blick in die Aufzeichnungen zu werfen, die mehr als ein Jahrhundert alt sind und erstaunlich frisch klingen: die Schilderung Der Grenzgang zu Biedenkopf, die Wilhelm Mauß 1907 im Verlag Max Stephani herausbrachte.
Den vollständigen Text und die Originalseiten habe ich als Quellen-Edition zugänglich gemacht; hier geht es um etwas anderes, den Abgleich von damals und heute. Mauß selbst schreibt schon 1907 von „damals und heute“ und beobachtet, was sich allein in seiner Lebensspanne verändert hat.
Der Wandel ist älter als die Erinnerung
„Viele Gebräuche sind ganz verschwunden und andere werden nur noch angedeutet“, notiert Mauß und nennt Beispiele: 1857 zogen die Burschen noch „mit Kitteln angetan und mit Äxten bewaffnet“ über die Grenze, um eigenhändig die Grenzsteine aufzubauen. Zu Mauß' Zeit war davon nur noch eine symbolische Geste übrig - zwei dem Zug vorausschreitende Sappeure. Und früher, schreibt er, blieb man den ganzen Tag im Wald; die Frauen und Mädchen zogen mittags hinaus, brachten das Essen und tanzten - eine Sitte, die schon 1907 „verschwunden“ war.
Das ist der interessanteste Aspekt der Quelle: Der Grenzgang war nie ein eingefrorenes Ritual. Er hat sich in jeder Generation verändert - und genau diese Fähigkeit, sich zu wandeln und trotzdem derselbe zu bleiben, ist seine Lebensversicherung. Mauß schreibt, dass man nach 1872 in Biedenkopf „allgemein angenommen“ hatte, das Fest werde „in das Meer der Vergessenheit sich senken.“ 1879 fiel ein Grenzgang ganz aus. Dann kam es zu einer bewussten Wiederbelebung: 1886 trat ein Komitee zusammen, anschließend wurde der Grenzgangsverein gegründet, den es bis heute gibt.
Was geblieben ist
Vergleicht man Mauß' Schilderung mit dem Ablauf 2026, ist die Kontinuität verblüffend. Noch immer organisiert sich die Bürgerschaft straßenweise in Männergesellschaften und Burschenschaften - 2026 sind es elf Männergesellschaften und sieben Burschenschaften. Noch immer gibt es Bürgeroberst, Hauptmann, Adjutanten, Führer und die berittenen Offiziere. Noch immer wecken morgens Böllerschüsse die Stadt, sammeln sich die Gesellschaften auf dem Marktplatz, und noch immer führen Mohr und die beiden Wettläufer mit knallenden Peitschen den Zug an. Auch das „Huppchen“ am Grenzstein lebt - der Brauch, einen Gast dreimal sachte an den Stein zu stoßen, damit er dessen Standort „in Ewigkeit“ nicht vergisst. Bei Mauß heißt er noch „Widerhuppchen“ und besteht aus „dreimaligem sanften Berühren“; heute gehört der Spruch „Der Stein - Die Grenze - In Ewigkeit“ dazu.
Auch die Strapaze ist geblieben. Mauß schreibt, die Anstrengung der drei Tage sei „nicht Jedermann auszuhalten im Stande“. Die Wettläufer von heute bestätigen das auf ihre Weise: Sie laufen die Grenzstrecke in ihrer drei- bis vierfachen Länge ab und trainieren von Mai bis August Woche für Woche - Peitsche inklusive. Und die Reiterei, die Mauß als kostspielig und nicht „jedermanns Sache“ beschreibt, bereitet sich bis heute mit sonntäglichen Ausritten in die Nachbargemeinden vor, damit sich die Pferde an Trubel und Peitschenknallen gewöhnen.
Was sich verändert hat
Einige Passagen lesen sich dagegen wie aus einer anderen Welt. Bei Mauß hält der Bürgermeister auf dem Marktplatz eine Ansprache, „welche mit einem Hoch auf den Kaiser endigt“ - 1907 eine Selbstverständlichkeit, seit 1918 undenkbar. Und Mauß spottet über den Modetrend, dass die Führer sich von der jeweiligen Tageslage anstecken ließen: Im Burenkriegsjahr 1900 trugen sie „Hüte in Form der Burenhüte“. Schon Mauß bedauerte, dass man sich „gar zu sehr von der Mode bestimmen läßt“ - ein herrlicher Satz.
Am deutlichsten verschoben hat sich die Rolle der Frauen. Bei Mauß bringen sie das Essen, schmücken die Straßen und beteiligen sich am Nachmittag „in Festschmuck prangend“ am Zug - aber die organisierte Festgesellschaft ist männlich. Heute treten Frauengesellschaften eigenständig auf, mit eigenen Versammlungen und eigener Präsenz im Festzug. Und das Grenzgangslied - „Aus Traum und Nacht ist unser Grenzgang erwacht“ - kannte Mauß noch gar nicht; es entstand erst nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die unbequeme Stelle
Eine Figur führt den Zug seit jeher an - und steht auch 2026 wieder in der Kritik: der schwarz geschminkte „Mohr von Biedenkopf“. Mauß nennt Ursprung und Zweck der Figur 1907 selbst „ebenso dunkel wie er selbst“. Die Herleitung - ein verkleideter Mann habe abergläubische Nachbarn an der Grenze verscheuchen sollen - gibt er ausdrücklich im Konjunktiv und mit Quellenvorbehalt wieder und schließt mit dem Satz: „und wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden.“ Mit anderen Worten: Schon der Chronist von 1907 behandelt die Vertreibungsgeschichte als Anekdote, nicht als belegte Tatsache.
Das ist mehr als eine historische Fußnote. Denn die Quellen geben für eine rassistische Absicht nichts her, und die schwarze Farbe lässt sich aus einer ganz anderen Tradition herleiten, in der Schwarz für Glück steht, nicht für Herkunft. Wer sich selbst ein Bild davon gemacht hat, erlebt eine positive Figur, zu der sich alle drängen, um einen schwarzen Backenabdruck zu bekommen, den man den Tag über stolz trägt. Die eigentliche Schwäche der Debatte ist, dass sie die Grundfrage - seit wann, mit welcher Absicht? - gar nicht stellt. Mauß wusste die Antwort 1907 nicht, ehrlicherweise wissen wir sie heute auch nicht besser.
Warum die Rassismus-Zuschreibung damit an den Quellen vorbeigeht, habe ich an anderer Stelle aufgeschrieben: Grenzgang: Ist der Mohr rassistisch?
Was das alles mit heute zu tun hat
„Alle sind sich einig, daß es schön war und alle wünschen, daß der Grenzgang erhalten bleibe.“ Denn ein Fest wie der Grenzgang leistet etwas, das kein Netzwerk und keine App ersetzt: Drei Tage lang gehen Bürger und Beamte, Alt und Jung, Zugezogene und Alteingesessene dieselbe Strecke, singen dasselbe Lied, stoßen am selben Stein an. Mauß hat das schon 1907 erkannt - die Stelle, an der „alle Standesunterschiede, die sonst im Leben so oft hemmend wirken“, verwischt sind. Zugehörigkeit entsteht nicht, weil man darüber redet, sondern aus gemeinsamem Tun.
Und je schneller, digitaler und zerstreuter unsere Gegenwart wird, desto seltener und desto kostbarer werden Anlässe, bei denen eine ganze Stadt für ein paar Tage eine gemeinsame Idee verfolgt. „Diese Hingabe zu hegen und zu pflegen, ist die Pflicht eines Jeden, denn sie tut nirgends nötiger wie in unserer wildgährenden Zeit.“
Vielleicht ist die beste Antwort auf „wildgährende“ beziehungsweise unsichere Zeiten: nicht lauter zu werden, sondern zusammen zu gehen.